Essbare Wildpflanzen, die (eigentlich) jeder kennt...

... und ihre geheimen Doppelgänger

Löwenzahn ist unverwechselbar. Oder? Tatsächlich gibt es etwa 400 Löwenzahn-Arten - von den Tropen bis zur Arktis. Und nicht nur das: es gibt noch eine andere Pflanze, die Löwenzahn heißt und dazu kommen noch zahlreiche Pflanzen, die zwar offiziell nicht zum Löwenzahn gehören, aber ihm so ähnlich sehen, dass sie im Volksmund so genannt werden... Verwirrend, oder? Aber keine Sorge. In diesem Artikel habe ich zahlreiche Beispiele für (essbare) Wildpflanzen gesammelt, die zwar eigentlich jeder kennt - deren geheime Doppelgänger aber doch eher unbekannt sind.

Bei den folgenden Beispielen sind zum Glück keine giftigen Doppelgänger dabei. Dennoch: es sollte eine grundsätzliche Regel sein, nur zu essen, was 100 % sicher erkannt wurde - wenn auch nicht zwangsweise bis zur Art (z.B. Weiße Taubnessel), dann doch wenigstens bis zur Gattung (z.B. Taubnessel). Sicherheit geht immer vor. Und im Zweifelsfall: stehen lassen.

Brennnesseln und Taubnesseln

Brennnesseln von Taubnesseln zu unterscheiden, macht sicherlich - nicht zuletzt dank der bekannten Brennhaare - eher wenigen Menschen Schwierigkeiten. Und doch finden sich auf Instagram unter dem Hashtag #brennnessel zahlreiche Bilder von Taubnesseln, zum Teil sogar mit einem Verweis auf die "schönen Blüten der Brennnessel", auch wenn gerade diese ein sicheres Unterscheidungsmerkmal wären. ;-)

Was Brennnesseln und Taubnesseln gemeinsam haben:

  • Ihre generelle Wuchsform ist grundsätzlich ähnlich.
  • Ebenso die Form der Blätter - jedenfalls teilweise.


Wie wir sie sicher unterscheiden können:

  • Die Taubnessel ist deutlich gedrungener als die Brennnessel und bleibt vergleichsweise klein, während die Brennnessel sich im Lauf ihres Lebens gern üppig ausbreitet und ihre Gedrungenheit vom Anfang mehr und mehr verliert.

  • Am ehesten können beide verwechselt werden, während die Taubnessel keine Blüten hat. Praktischerweise sieht man Taubnesseln in der Blüte außergewöhnlicherweise im Verlauf des Jahres immer wieder, selbst im Winter, denn an ihren pinken, gelben oder weißen Blüten lässt sie sich sehr gut erkennen. Brennnesseln hingegen haben unauffällige, beige-braune, herabhängende Blütenstände.

  • Aber selbst ohne die farbenfrohen Blüten gibt es ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal: die Brennhaare.


    Hier einmal die Brennnessel (Brennhaare!) und die Rote Taubnessel (auffällige Blüten!) im Vergleich:

        


      Rotklee und Sauerklee

      Auch wenn sie sich in ihren Blättern ähneln: diese Pflanzen gehören zu völlig verschiedenen Familien.

      Was Rotklee und Sauerklee gemeinsam haben:

      • Die Form und Aufteilung der Blätter.


      Wie wir sie sicher unterscheiden können:

      • Während die Blätter des Rot- und Weißklees ein recht dunkles Grün und üblicherweise eine weiße oder beige Zeichnung haben, sind die des Sauerklees durchgehend hell giftgrün.

            

        • Rotklee wächst fast immer auf der Wiese, Sauerklee fast immer im Wald.

        • Spätestens am Geschmack wird es klar: die Blätter des Rotklees schmecken sehr neutral und sind etwas zäh während die des Sauerklees frisch sauer schmecken und viel zarter sind.

        • Und zuletzt sind auch die Blütenstände völlig verschieden: Rotklee hat auffällige große wuschelige violette Blütenstände. Die des Sauerklees sind hingegen ganz zart, meistens weiß, manchmal auch gelb, oft mit feinen andersfarbigen Linien darauf.


          Löwenzahn, Löwenzahn und Ferkelkraut

          Wie ganz zu Beginn schon erwähnt, ist das mit dem "Löwenzahn" ja so eine Sache... was unter DEM Löwenzahn verstanden wird, ist sicherlich Taraxacum bzw. der "Gewöhnliche Löwenzahn". Aber auch damit ist nicht nur eine einzige Pflanze gemeint. Da Löwenzahn schwer mit dem üblichen Konzept einer Art zu erfassen ist, wurde er ursprünglich zu verschiedenen Sammelarten zusammengefasst - u.a. Taraxacum officinale agg. (agg. = Aggregat). Doch auch hier merkte man irgendwann, dass durch viele Übergangsformen die Sammelarten nicht klar voneinander zu trennen waren, weswegen man mittlerweile alle zur "Sektion" Ruderalia der Gattung Taraxacum zählt.

          Auf Wikipedia heißt es dazu: "Der Gewöhnliche Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia) stellt eine Gruppe sehr ähnlicher und nah verwandter Pflanzenarten in der Gattung Löwenzahn (Taraxacum) [...] dar." Und weiter: "Meist werden diese Pflanzen einfach als Löwenzahn bezeichnet, wodurch Verwechslungsgefahr mit der Gattung Löwenzahn (Leontodon) besteht." Puh...

          Selbst Botanikern bereitet "der" Löwenzahn Kopfzerbrechen. Und ganz ehrlich: um Löwenzahn zum Verzehr zu sammeln ist die exakte Bestimmung der Art auch überhaupt gar nicht wichtig.

          Der Vergleich sowohl mit der verwandten Gattung Leontodon wie auch mit einer zwar ähnlich aussehenden, aber nicht ganz so nah verwandten Gattung, den Ferkelkräutern, zeigt uns aber genauer, worauf es zu achten gilt, um möglichst sicher bei Taraxacum zu landen...


          Was der Gewöhnliche Löwenzahn (Taraxacum), Löwenzahn (Leontodon) und Ferkelkräuter gemeinsam haben:

          • Die grobe Form der Blätter.

          • Dass die Blätter in Rosetten stehen.

          • Gelbe, mehr oder weniger "puschelige" Blüten.


            Wie wir sie sicher unterscheiden können:

            • Wer Löwenzahn sammeln möchte, sollte - neben dem grundsätzlichen Erscheinungsbild, der Form der Blätter und den puscheligen, gelben Blüten - auf eine Sache ganz besonders achten: die Blätter des Löwenzahns sind unbehaart. Im Gegensatz dazu sind die Blätter des Ferkelkrauts sowie der meisten Leontodon-Arten borstig behaart. Links Löwenzahn, rechts Ferkelkraut:


            • Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die feine Flauschschicht auf den Stängeln des Gewöhnlichen Löwenzahns.


            Das Gänseblümchen und seine Doppelgängerin aus den Bergen

            Auch das Gänseblümchen gilt als unverwechselbar - und ist es meist auch, wäre da nicht... seine nahe Verwandte in den Alpen. Das Alpenmaßliebchen sieht dem Gänseblümchen tatsächlich zum Verwechseln ähnlich - lebt aber ausschließlich in den Alpen.


            Die Heidelbeere und ihre Mitbewohnerinnen

            Bevor wir im Schwarzwald wohnten, habe ich nie Heidelbeeren in wilder Natur gesehen. Es flasht mich noch immer, wie hier der Waldboden oft bedeckt ist von den kleinen Sträuchern soweit das Auge sehen kann.

            Doch genau hinzusehen ist wichtig - denn die Heidelbeere wächst gerne mal mit zwei besonderen Mitbewohnerinnen zusammen - und eine davon trägt ihren Namen "Rauschbeere" nicht umsonst...

            Was Heidelbeere, Rauschbeere und Preiselbeere gemeinsam haben:

              • Ihre gedrungene, zwergstrauchige Wuchsform.
              • Ihren Standort. Sehr häufig finden wir sogar alle drei am selben Ort.
              • Heidel- und Rauchbeere sollen den selben Geschmack haben.

              Auch eine Kreuzung zwischen Heidelbeere [Vaccinium myrtillus] und Preiselbeere [Vaccinium vitis-idaea], die nah miteinander verwandt sind, gibt es: Vaccinium intermedium, die Mittlere Heidelbeere. Deren Merkmale entsprechen einer Kombination aus denen ihrer Eltern. Mit diesen taucht sie auch gemeinsam auf - ist jedoch sehr selten.


              Wie wir sie sicher unterscheiden können:

              • Farbe und Form der Früchte: die Früchte der Heidelbeere sind tiefblau und kugelrund. Die Früchte der Preiselbeere sind rot. Und die der Rauschbeere sind matt bläulich und etwas lang gezogen. Hier einmal gemeinsam Heidelbeere (blau) und Preiselbeere (rot) sowie die noch nicht ganz ausgereiften Früchte der Rauschbeere am Strauch:

                     

                • Farbe der Blätter: Heidelbeere und Preiselbeere haben üblicherweise ein sattes, dunkles Grün, die Rauschbeere ein mattes, leicht bläuliches Grün. Von links nach rechts: Preiselbeere, Rauschbeere, Heidelbeere - alle drei wurden direkt beieinander an einem Waldrand im Schwarzwald gefunden:


                Auch bei diesen dreien ist das Gefahrenpotenzial nicht sehr groß. Sie gehören zur selben Gattung (Vaccinium). Heidel- und Preiselbeere gelten eindeutig als essbar. Bei der Rauschbeere [Vaccinium uliginosum], auch Moor-Heidelbeere, wurde vereinzelt von Zuständen wie Schwindel, Rausch und Erbrechen nach größerem Verzehr berichtet. Da dies aber nicht immer vorkommt, wird mittlerweile vermutet, dass diese Symptome durch einen manchmal anhaftenden, schmarotzenden Schlauchpilz namens Monilinia megalospora ausgelöst werden. Von einem üppigeren Verzehr wird abgeraten


                Wald-Erdbeere, Knack-Erdbeere und Scheinerdbeere

                Als ich das erste Mal eine Scheinbeere aß, die ich für eine Erdbeere hieß, war ich sehr irritiert: die schmeckt ja nach gar nichts, dachte ich mir. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass die so bekannte und sehr geliebte Walderdbeere zum Verwechseln aussehende Doppelgängerinnen hat...

                Dabei ist die Scheinerdbeere noch relativ leicht zu erkennen - bei der Knack-Erdbeere wird es schon deutlich schwieriger...

                Was Wald-Erdbeere und Scheinerdbeere gemeinsam haben:

                • Ganz klar: die roten Früchte.

                • Die dreigeteilte Blattform.


                Wie wir sie sicher unterscheiden können:

                • Blütenfarbe: die Blüten der Wald-Erdbeere und der Knack-Erdbeere sind weiß, die der Scheinerdbeere sind gelb.

                • Die Blätter an den Beeren - diese sehen bei Wald- und Knack-Erdbeere zwar sehr ähnlich aus, jedoch bleiben sie, im Gegensatz zu ihrer Verwandten, bei der Knack-Erdbeere beim Pflücken an der Frucht und sind außerdem viel anliegender. Bei der Scheinerdbeere gibt es auch einen deutlichen optischen Unterschied, denn das Grün an den Früchten ist viel ausgeprägter und bildet einen auffälligen Kranz um die Frucht.

                • Auch die Wuchsform ist ein Unterscheidungsmerkmal - jedenfalls bei der Scheinerdbeere. Denn während die Beeren von Wald- und Knack-Erdbeere an den Stängeln leicht nach unten hängen, stehen sie bei der Scheinerdbeere nach oben.

                • Geschmack: nur die Wald-Erdbeere schmeckt aromatisch und lecker. Die Scheinerdbeere schmeckt wässrig bzw. nach nichts. Die Knack-Erdbeere schmeckt säuerlich.

                • Knacken - endlich ein geeignetes Merkmal, um auch ohne Probieren die Knack- von der Wald-Erdbeere zu unterscheiden. Diese hat ihren Namen nämlich nicht umsonst bekommen, denn beim Pflücken der Früchte ist ein Knacken zu hören.


                  Links die Wald-Erdbeere, rechts die Scheinerdbeere:

                      


                  Giersch, Engelwurz und (Behaarter) Kälberkropf

                  In unseren Instagram-Storys zeige ich öfter mal Bilder von diesen drei Pflanzen mit der Frage, welches davon der (bekannte) Giersch ist. Und die Verwirrung ist jedes Mal bei vielen groß. Alle drei können dicht beieinander wachsen. Wichtig ist deshalb immer und gerade hier wirklich auf alle Merkmale zu achten...


                  Was Giersch, Engelwurz und Behaarter Kälberkropf gemeinsam haben:

                  • Die grobe Form der Blätter. Hier von links nach rechts: Giersch, Engelwurz, Behaarter Kälberkropf:


                  • Wie viele Teilblätter ein Blatt hat, ist sehr unterschiedlich.



                  Wie wir sie sicher unterscheiden können:

                    • Mit der 3x3-Regel ist man beim Giersch auf der sicheren Seite. Das heißt: nicht nur die Blätter sollten zwei Mal in drei Teile unterteilt sein sondern auch der Stiel sollte eindeutig dreieckig sein. Und da es bei der Blattaufteilung durchaus Ähnlichkeiten gibt, sollte dem Stiel hier umso mehr Beachtung geschenkt werden. Hier von links nach rechts: Giersch, Engelwurz, rauhaariger Kälberkropf:


                    • Sowohl Giersch als auch Engelwurz teilen ihre Blätter gerne mehrfach auf - wobei beim Giersch klassischerweise bei 2 x 3 Schluss ist, während die Engelwurz es auch gerne mal ins Extrem treibt - alle folgenden Blätter gehören zur Engelwurz: 
                    • Außerdem sind die Teilblätter bei der Engelwurz eher oval.
                    • Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum Kälberkropf ist die Blattstruktur - der Giersch hat lediglich am Rand gezähnte Blätter, die des Kälberkropfes sind "geschlitzt".
                    • Behaarung: Giersch und Engelwurz sind glatt, der Behaarte Kälberkropf zeigt deutlich kräftige Haare. Links der glatte Giersch, rechts der Behaarte Kälberkropf:


                    • Bei der Engelwurz ist außerdem sehr deutlich eine violette Linie dort zu sehen, wo sich das Blatt in die Teilblätter aufteilt:




                    Ich hoffe ich konnte für etwas mehr Klarheit und weniger Verwirrung sorgen - und nicht andersrum. ;-)

                    Regelmäßige Quizze, Infos zu Verwechslungsgefahren und allerlei mehr gibt es auf unserem Instagram-Account unter instagram.com/wildekultur.

                    30.05.2020
                    Nadine