Die Jahreszeiten und wir

Wilde Selbstversorgung durchs ganze Jahr

Nebel und herbstliche Farben haben sich über die Schwarzwald-Berge gelegt. Jeder Tag trägt ein anderes Gefühl mit sich, einen ureigenen Charakter. Alles ist im Wandel - immer, wenn auch nur im Kleinsten.

Auch wenn es vieles gibt, was sich meinem Blick entzieht und auch wenn ich nie alles überblicken kann, so ist es doch immer wieder erstaunlich wie detailliert das Bild ist, das sich in meinem Kopf ergibt, wenn ich an draußen denke. Eine der größten Veränderungen, die der Umzug auf einen alten Aussiedlerhof im Schwarzwald und das Sammeln von wilden Pflanzen und Pilzen mit sich gebracht haben, ist ganz sicher die intensivere Wahrnehmung. Aus grün wurde bunt. Aus Wiese wurde ein Buffet.

Und ganz nebenbei hat sich auch der Blick auf den Wandel der Jahreszeiten verändert. Jetzt sind die nicht mehr nur durch Geburtstage und andere Feste geprägt, sondern auch durch das, was sich auf den Wiesen, Feldern und in den Wäldern um uns herum wandelt. Wenn ich mich aus der Natur selbstversorgen will, ist es nützlich ein Gefühl dafür zu bekommen, was wann dran ist. In diesem Jahr schreibe ich an einer detaillierten Liste, welche wilden Kräuter, Beeren und Pilze wir wann ernten konnten - und was man wann am besten daraus machen konnte.

Der Verlauf des Jahres spielt für uns mittlerweile eine viel größere Rolle als früher, weil unser Alltag sich zumindest in Teilen - und in der Zukunft noch viel mehr - daran orientiert. Und deshalb habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was die unterschiedlichen Jahreszeiten für uns bedeuten, was wichtig ist und was wir wann tun...


Der Herbst

Was in der Natur passiert

Nach den Monaten, in denen der Tag die Nacht dominierte, sind beide nun wieder ausgewogen. Die Herbsttagundnachtgleiche um den 23. September bedeutet aber auch, dass ab nun die Nächte länger sein werden als die Tage. Es wird spürbar kälter. Auch die Vielfalt an find- und essbaren Wildpflanzen nimmt jetzt deutlich ab. Die letzte größere Ernte kann aus dem Garten geholt werden. Bald werden sich auch die Bäume bunt verfärben. Alles bereitet sich auf die kalte Zeit vor.

Hier im Hochschwarzwald stehen die Hänge im Oktober voller leckerer Parasol-Pilze, die man schon aus der Ferne erkennt. Durch die Berge zieht jetzt der Nebel und beeindruckt mit seiner ganz eigenen mystischen Ausstrahlung. Die Wälder verfärben sich wunderschön bunt.

Was wir so machen

Wir feiern die vergangene Ernte, die Farben und die Abkühlung des Herbsts - und stellen uns auf die kalte Zeit ein. Wenn wir im Sommer voraus gedacht haben, stehen jetzt in den Beeten noch winterharte Gemüse wie Grünkohl und Topinambur. Auch unsere Mehrjährigen - zum Beispiel Ewiger Kohl, Meerkohl - können wir noch beernten.

Ich mache mich nochmal auf, um Vorräte an wilden Pflanzen zum Trocknen zu sammeln - je nachdem woran es noch mangelt. Es gibt Äpfel, Hagebutten, Weißdornbeeren und viele andere Früchte. Jetzt ist außerdem eine tolle Zeit, um nach Pilzen Ausschau zu halten. Bei unserem Lieblingshofladen kaufen wir Äpfel zweiter Wahl mit kleinen Macken und kochen daraus unser Apfelkompott. Herbst ist auch die Zeit, um Sträucher und Bäume zu pflanzen. Und um Wurzeln zu sammeln - z.B. für Löwenzahnwurzelkaffee.

Wir machen uns Gedanken über kleine Projekte für den Winter, bereiten den Garten auf Schnee vor, indem wir unter anderem die Mehrjährigen markieren, sodass wir sie im nächsten Frühjahr wieder finden.


Der Winter

Was in der Natur passiert

Die Hälfte der dunklen Zeit ist geschafft. Zwar erleben wir nun zur Wintersonnwende um den 21. Dezember herum die kürzesten Tage im Jahr, Wintersonnwende heißt aber auch, dass jetzt die Tage wieder länger werden. Das Licht kommt zurück. Doch es ist kalt und wird noch kälter. Nicht umsonst wird um diese Zeit vielerorts gefeiert: etwas Licht und Fröhlichkeit an dunklen Tagen tut gut.

Was wir so machen

Wir freuen uns über die Schönheit schneebedeckter Landschaften und über unsere leckeren Vorräte und machen es uns gemütlich. Um uns nicht von den kurzen Tagen betrüben zu lassen, gibt es auch bei uns Lichterketten und Kerzen. Mit Verwandten feiern wir Weihnachten, für uns aber feiern wir die Rückkehr des Lichts und der Wärme.

Es geht ruhig zu. Wenn es der Schnee zulässt - in den Bergen können auch gut mal über längere Zeit 40, 50 cm liegen -, gibt es im Garten Topinambur und Ewigen Kohl zu ernten. Auch manche Wildpflanzen lassen sich um diese Zeit noch blicken, etwa Taubnessel, Brennnessel, Schafgarbe und sogar wilder Thymian, der hier am Hof an einem - meist nicht von Schnee bedeckten - Hang wächst.

Wir wandern durch Tiefschnee und gehen Schlitten fahren. Jetzt, wo es im Garten und auf den Wiesen wenig zu tun und zu sammeln gibt, ist Zeit für Handarbeit wie Häkeln, Nähen oder Socken stopfen. Außerdem steht die Planung fürs nächste Jahr an: neue Kreationen, Workshops, Aufträge, Gartenbeete und so weiter. Gegen Ende des Winters kommen dann auch schon die ersten Samen in die Erde.


Das Frühjahr

Was in der Natur passiert

Die kälteste Zeit im Jahr ist vorüber. Das Licht besiegt die Dunkelheit. Ab der Frühjahrstagundnachtgleiche um den 20. März, sind die Tage wieder länger als die Nächte. Es wird wärmer.

Schneeglöckchen und Bärlauch sprießen aus dem Boden. Und überhaupt lassen sich nun viele Wildpflanzen blicken, die den Winter über versteckt waren. Auch junge Brennnesseln und die ersten zarten Löwenzahnblätter sind Boten dieser Zeit. Die Nächte sind meist noch kalt, doch es wird immer milder. 

Was wir so machen

Auf den Boden starren! Sind das wohl schon die ersten Spitzen vom Giersch und Löwenzahn, die da aus der Erde spitzeln? Kommt der Bärlauch schon? Und dann endlich einmal wieder so richtig ausgiebig sammeln.

Viele Wildpflanzen sind jetzt besonders zart und machen Lust auf wilde Salate. Immer mehr Samen kommen in die Erde, nicht nur im Haus sondern auch draußen. Jetzt wo es wieder warm und noch nicht zu heiß ist, verbringe ich viel Zeit auf Streifzügen durch die Wälder. Dort finden sich neben Sauerklee auch Waldmeister und (ebenfalls essbare) Veilchen. Die ersten wilden Erdbeeren werden reif und landen sofort frisch von der Pflanze im Mund. Wer Glück hat, findet Morcheln.


Der Sommer

Was in der Natur passiert

Die Sommersonnenwende um den 21. Juni markiert die längsten Tage im Jahr - und damit auch, dass die Tage ab jetzt wieder kürzer werden. Das Wachstum in der Natur kommt jetzt so richtig in Schwung. Es blüht an vielen Stellen. Es gibt Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren und vieles mehr. Die erste größere Ernte aus dem Garten ist möglich. Manche Wildkräuter sind an diesem Punkt schon etwas zäher - das braucht einen aber nicht abzuschrecken, wenn man die Blätter klein schneidet. Andere Wildpflanzen - zum Beispiel die Vogelmiere - lassen sich die Hitze des Sommers nicht anmerken. Neues wächst dafür besonders schnell nach - jedenfalls so lange es ab und an einmal regnet. Auch Pilze lassen sich nun häufiger blicken - wenn es denn feucht genug dafür ist. 

Was wir so machen

Schwitzen. Und jammern. An manchen Tagen entspricht das tatsächlich unserer Hauptbeschäftigung. Ansonsten sind wir fleißig am Beeren ernten - am Abend, wenn es kühler ist. In diesem Jahr ernteten wir Stachelbeeren und Schwarze Johannisbeeren, wilde Erdbeeren und Heidelbeeren. Das meiste davon wandert direkt frisch von der Pflanze in den Mund - aller Überfluss, abzüglich einem Anteil für die nichtmenschliche Vegetation, frieren wir ein, um sie später weiterzuverarbeiten.

Außerdem gibt es viel Salat, der bei uns nur selten sonderlich viel Salat beinhaltet sondern meist aus buntem Gemüse, wilden Pflanzen und Kernen besteht. Die Kater sehen wir in der Zeit eher selten, außer wir wagen uns selber raus und gehen mit ihnen auf kleine Spaziergänge oder in den Garten. Zum Glück wohnen wir in der Nähe der Glotter, einem kleinen Fluss, der dem Glottertal seinen Namen gibt. Und auch sonst steht gerne mal - wenn auch immer noch zu selten - Baden auf dem Programm. Hitze ist nicht unser Wetter. Was mir enorm hilft, ist, ab und zu den Kopf unter den Wasserhahn zu tunken - das macht einen riesen Unterschied.

Zucchini, Gurken, Brokkoli und andere Gemüse sind in unserem Garten reif. Auf den Märkten fällt zu dieser Zeit ebenfalls besonders viel Gemüse und Obst an, das wir über Foodsharing vor dem Mülleimer retten. Überschüsse kochen wir ein.


Über die Verbindung zur Zeit

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ewig die Zeit schien als Kind. Von 8 bis 18 war eine verrückte, zermürbende, aufregende, frustrierende, aber vor allem gefühlt ewige Zeit. Zwischen 18 und 28 sind nun zwar gleich viele Jahre vergangen, wieder hat sich viel verändert - aber es fühlt sich doch ganz anders an. Und bisher bekomme ich nicht den Eindruck, dass das Tempo abnehmen würde, mit dem die Zeit gefühlt vergeht.

Manchmal finde ich das beängstigend - und ich glaube ich bin damit nicht allein. Diese rasende Geschwindigkeit mit der es von Jahr zu Jahr geht. Auch daraus entstand das Bedürfnis intensiver zu leben. Im Moment zu sein, nicht zu sehr an Fehlern von gestern zu hängen, sich nicht zu sehr von der Ungewissheit von morgen bedrücken zu lassen, ist ein großes Ziel.

Nur: wie?


Mehr nebenbei als absichtlich kam ich zu der Erkenntnis, dass das enger im Rhythmus der Natur und der Jahrszeiten leben, ganz wesentlichen Einfluss darauf hat, wie ich Zeit wahrnehme. Ein Tag fühlt sich anders an, je nachdem, wie ich ihn verbracht habe.

Vor Jahren einmal hörte ich davon, dass sich intensive, volle Zeiten zwar im Moment oft kurz anfühlen - weil so viel passiert -, dafür aber im Nachhinein ganz lang, weil sie aus so vielen Details bestehen.

Dieses Gefühl von Länge, von ausgedehnter Zeit wünsche ich mir für mein Leben.

Wenn es irgendwann vorbei ist, will ich diese eine Sache sagen können:

mein Leben war voll. 

24.11.2018
Nadine